Vietnam

Auf den Spuren Chinas


  • Die zunehmende politische Stabilität des Landes sowie eine hohe Investitionstätigkeit, die allerdings auf Kosten hoher Defizite des Staatshaushalts geht, begünstigen ein starkes Wachstum der Wirtschaft.
  • Ein starker Anstieg der arbeitsfähigen Bevölkerung durch Förderung der Bildung in den kommenden Jahren und eine wachsende Mittelschicht kurbeln den privaten Konsum an.
  • Das Land ist ein wichtiger Exporteur von Agrarrohstoffen wie beispielsweiße Naturkautschuk, Kaffee und Reis, und verfügt auch über Öl- und Gasvorkommen.
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Vietnam zählt zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften Südostasiens. Zwar steht der ehemalige Tigerstaat noch am Anfang seiner Entwicklung. Mit seiner jungen und wachsenden Bevölkerung, seinem Reichtum an Rohstoffen und dem Willen zu Reformen könnte Vietnam aber einer der attraktivsten Zukunftsmärkte in Asien sein.


Wer sich die Rahmenbedingungen in Vietnam ansieht, den erinnert so manches an den großen Nachbarn China. Das Land wird ebenfalls von einer kommunistischen Partei regiert, es öffnet sich zunehmend für die Weltmärkte und ist neben China eines der wachstumsstärksten Länder der Region. Von der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 hatte sich Vietnam vergleichsweise schnell erholt. 2012 stieg die Wirtschaftsleistung Vietnams nach Angaben von DB Research um fünf Prozent. Im Jahr 2013 soll der Zuwachs bei 5,2 Prozent liegen.

Der Grundstein für das rasante Wachstum der vietnamesischen Wirtschaft wurde 2001 gelegt. Damals hatte Vietnam ein bilaterales Handelsabkommens mit den USA abgeschlossen und in der Folge seine internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessern können. Im Januar 2007 folgte der Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO. Damit verschaffte der kommunistisch regierte Staat seiner Exportindustrie zunächst Zugang zum US-Markt und dann auch zu anderen Märkten der Welt. Kein Wunder, dass die Exporte rasant anstiegen. Waren es 2005 noch 32 Milliarden Dollar, so lagen die Ausfuhren 2012 laut der Jahresprognose von DB Research, Stand: März 2013, bei 113 Milliarden Dollar. 2013 sollen es 130 Milliarden Dollar sein. Positiv wirkte sich für die Volkswirtschaft des Landes auch die laut dem Rohstoffindex Commodity Research Bureau (CRB) Index gestiegenen Rohstoffpreise aus. Denn Vietnam verfügt nicht nur über Öl- und Gasreserven, sondern ist nach Angaben des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland größter Exporteur von Pfeffer und Naturkautschuk und einer der weltweit wichtigsten Lieferanten von Kaffee und Reis.


Veränderte Wirtschaftsstruktur

Aber auch die Wirtschaftsstruktur des Landes hat sich gewandelt. Der Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging nach Informationen des CIA World Factbook vom Februar 2013 von 25 Prozent im Jahr 2000 auf 22 Prozent 2012 zurück. Dagegen stieg der Beitrag der Industrie im selben Zeitraum von 36 auf 41 Prozent. Staatsunternehmen tragen noch rund 40 Prozent zum BIP bei. Doch haben die Verantwortlichen in Vietnam laut CIA World Factbook Anfang 2012 bekundet, die Privatisierung in die Zukunft vorantreiben zu wollen. Zudem trugen die in den vergangenen Jahren gewachsene politische Stabilität des Landes und die im internationalen Vergleich niedrigen Lohnkosten laut DB Research dazu bei, vermehrt ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Lagen diese 2005 laut DB Research noch bei knapp zwei Milliarden Dollar, so stiegen sie bis 2012 auf rund sieben Milliarden Dollar. Von großer Bedeutung für die Wirtschaft des Landes war in den vergangenen Jahren auch die enorme Investitionstätigkeit. Im Krisenjahr 2009 lagen die Investitionen laut DB Research bei 34,5 Prozent des BIP. 2012 sind diese zwar nur um zwei Prozent gewachsen, 2013 sollen sie aber wieder sieben Prozent zulegen, 2014 sogar 11,3 Prozent. Doch liegen genau darin Chance und Risiko zugleich. Einerseits seien diese Investitionen, so die Analysten, strukturell notwendig. Andererseits stellt sich auch die Frage nach der finanziellen Nachhaltigkeit, da gerade wegen dieser hohen Investitionstätigkeit der Staatshaushalt seit Jahren Defizite aufweist. Dieser lag nach Angaben von DB Research 2012 bei sechs Prozent, 2013 sollen es 5,5 Prozent sein. Die Devisenreserven sind zwar niedrig, aber sie wachsen. Sie betrugen ebenfalls nach Schätzung von DB Research 2012 23 Milliarden Dollar, 2013 sollen sie auf 28 Milliarden Dollar ansteigen. Die Staatsverschuldung des Landes liegt nach Angabe der Analysten bei 54 Prozent des BIP. Doch vor allem ist die Inflationsrate rückläufig. 2011 lag diese noch bei 17,6 Prozent. 2012 ging sie, nach Schätzung von DB Research, auf 9,3 Prozent zurück. Die Teuerungsrate weiter in den Griff zu bekommen, wird deshalb auch eine der wichtigsten Aufgaben für die Regierung sein. Dennoch sind die mittelfristigen Wachstumsperspektiven des Landes gut. Ein wichtiger Grund dafür ist die sehr junge Bevölkerungsstruktur. So sind laut dem Datenreport 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung 24 Prozent der Vietnamesen jünger als 15 Jahre, nur sieben Prozent älter als 64 Jahre. Und die Bevölkerung wächst. Bis 2050 soll sie von 89 auf 110,2 Millionen Menschen anwachsen. Das Durchschnittsalter liegt laut CIA World Factbook bei 27,8 Jahren. Die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung dürfte deshalb in den kommenden Jahren zunehmen. Nach Angaben der International Labor Organisation vom Juni 2010 soll die Rate bei 1,5 Prozent bis 2015 liegen.


Höhere Bildungsstandards

Zugleich sind die Menschen in dem Land dabei immer besser ausgebildet. Die Alphabetisierungsrate liegt laut CIA World Factbook inzwischen bei 94 Prozent und ist damit höher als in manch anderem asiatischen Land. Die Englischkenntnisse liegen gemäß Umfragen auf einem ähnlichen Niveau wie in dem wirtschaftlich deutlich weiterentwickelten Taiwan. Das größte Problem Vietnams liegt in der geringen Zahl hoch qualifizierter Arbeitskräfte mit Universitätsabschluss. Doch ist die Förderung der Bildung laut einer Aussage der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit zu einem erklärten Schwerpunktthema der Regierungspolitik geworden. Auch ist die Zahl der in Armut lebenden Vietnamesen in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Lebten 1998 noch 37,4 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze, so waren es laut CIA World Factbook 2012 nur noch rund zwölf Prozent. Zugleich wächst die Mittelschicht. Rund zehn Prozent gehören dieser inzwischen an. Die Vietnamesen seien zudem zunehmend bereit, ihre Statussymbole offen zu zeigen und einen immer größeren Teil ihres Einkommens über den lebensnotwendigen Bedarf hinaus für Konsumgüter auszugeben. Dies scheint sich positiv im privaten Verbrauch niederzuschlagen. Laut DB Research nahm der private Verbrauch 2012 um 3,9 Prozent zu. 2013 soll er den Prognosen zufolge um 4,3 Prozent klettern und 2014 sogar nochmals um 7,6 Prozent zulegen. Vietnam hat nach Angaben des Auswärtigen Amtes 2009 die Grenze von 1.000 Dollar Jahreseinkommen pro Kopf überschritten und ist seitdem ein „Middle Income Country“. Allerdings ist das Volkseinkommen zwischen Stadt und Land ungleich verteilt. Nach wie vor leben 60 Prozent der Bevölkerung auf dem Land, erwirtschaften dort aber nur 20 Prozent des Volkseinkommens. Dafür konzentrieren sich in dem Großraum der Zehn-Millionen-Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt ein Viertel der Wirtschaftskraft der 89 Millionen Vietnamesen – mit zweistelligen Wachstumsraten. Doch trotz dieser guten Wachstumsvoraussetzungen gilt für Investments am vietnamesischen Aktienmarkt, dass diese nicht risikolos sind. Eine Anlage in Vermögenswerte der Emerging Markets unterliegt in der Regel höheren rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Risiken als eine Anlage in Vermögenswerte der Märkte in Industrieländern.

Dieses Risiko zeigte sich in der Vergangenheit an den hohen Kursschwankungen. Im Mai 2007 erreichte der Aktienindex FTSE Vietnam*, der kurz dargestellt rund 90 Prozent der Marktkapitalisierung des vietnamesischen Aktienmarktes abbildet (nähere Informationen: http://www.ftse.com/Indices/FTSE_Vietnam_Index_Series/index.jsp), nach Angaben des Indexsponsors FTSE Group bei 1.160 Punkten einen Höchststand. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 aber ging es abwärts. Am 1. Februar 2009 notiert er bei 246 Punkten. Ende März 2013 notiert der Index nicht viel höher als 304 Punkte. Einerseits verdeutlicht dies die Skepsis der Investoren gegenüber der zögerlichen Umsetzung der Reformen und der noch immer mangelnden Liquidität des Aktienmarktes Vietnam. Andererseits weist der Markt, sollte die Regierung ihren Reformkurs wieder verstärkt fortsetzen und sich das hohe Wirtschaftswachstum als nachhaltig erweisen, enormes Potenzial auf.

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