Indien

Servicezentrum der Welt


  • Ein relativ hoher Anteil an der Bevölkerung der Englisch spricht und viele Universitätsabsolventen bilden die Grundlage für eine schnell wachsende Mittelschicht.
  • Indien profitiert vor allem von dem weltweiten Trend zum Outsourcing wodurch der Servicesektor weiterhin mit beeindruckender Geschwindigkeit wächst.
  • Die ungenügende Infrastruktur muss modernisiert werden um das Wirtschaftswachstum des Landes nicht zu behindern. Dies stellt sich auf Grund einer angespannten Haushaltslage jedoch als Herausforderung dar.
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Indien scheint zu den chancenreichsten Schwellenländern zu zählen. Eine stabile Demokratie, eine junge und immer besser ausgebildete Bevölkerung und eine konsumfreudige wachsende Mittelschicht sind Basis für einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung, der langfristig für Potenzial am Aktienmarkt sorgen könnte.


Es ist gerade mal rund 20 Jahre her, da war Indien noch ein Agrarstaat. Heute scheint der Subkontinent ein anderes Land geworden zu sein. Gerade auch im internationalen Vergleich. 2011 gibt es in Indien nach Informationen des CIA World Factbook, Stand: März 2013, knapp 894 Millionen Mobilfunknutzer. Das ist Platz zwei in der Welt, nur in China sind es mehr. Zudem nutzten Mitte 2012 nach Angaben der Internet and Mobile Association of India 137 Millionen Inder das Internet, womit das Land auf Platz drei liegt. Und die Beratungsgesellschaft McKinsey geht in ihrem Report „The Internet’s Impact on India“ vom Dezember 2012 davon aus, dass bis 2015 etwa 330 bis 370 Millionen Inder im World Wide Web sein werden. Das wären mehr Internetnutzer als in den USA.


Volkswirtschaft im Wandel

Indien, so scheint es, befindet sich mitten in einem Transformationsprozess von einem Agrarstaat zu einem Technologieland. Im Jahr 1989 hatte der Landwirtschaftssektor nach Angaben der Weltbank noch einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 29,2 Prozent. Im Jahr 2011 waren es laut CIA World Factbook nur noch 17 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil des Dienstleistungssektors von 43,8 auf 65 Prozent im Jahr 2011. Und kaum ein Land scheint besser gerüstet zu sein, um diesen Weg erfolgreich fortzusetzen, als der indische Subkontinent. So gibt es in dem Land, in dem 2012 laut dem Datenreport 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) 1,26 Milliarden Menschen leben, laut der letzten Volkszählung im Jahr 2001 rund 125 Millionen Menschen, die Englisch sprechen.

Zahlreiche Firmen im Bereich der Informationstechnologie sind seit den 1990er-Jahren dort entstanden. Sie profitieren in besonderem Maße von dem weltweiten Trend zum Outsourcing, der Auslagerung von Tätigkeiten von Unternehmen an externe Dienstleister. Outsourcing ist dabei aber nicht nur die Auslagerung vergleichsweise einfacher Dienstleistungen wie Telefonhotlines. Vielmehr geht es um Outsourcing in Sektoren wie der Technologiebranche, dem Ingenieurswesen oder der Pharma- und Chemieindustrie. Dass sich Indien als Partner steigender Beliebtheit erfreut, hat einen guten Grund: Die indische Bevölkerung verfügt über eine immer bessere Ausbildung. So ist die Alphabetenrate zwar noch vergleichsweise niedrig, laut Weltbank-Angaben stieg sie aber seit 1981 von 41 Prozent bis zum Jahr 2012 auf rund 74 Prozent. Dieser verbesserte Bildungsstandard führt offenbar auch dazu, dass das Ansehen der indischen Dienstleistungsfirmen im Ausland immer weiter steigt. Im gebrochenen Geschäftsjahr 2010/2011 zum Beispiel wuchs der Servicesektor, der 55 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt, laut Germany Trade and Invest (GTAI), der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing, um zehn Prozent. 2012 schwächte sich das Wachstum aufgrund rückläufiger inländischer Investitionen und der Staatsschuldenkrise im Euro-Raum, was zu einer Abschwächung des Außenhandelswachstums führte, allerdings ab. 2012 wuchsen die Investitionen laut DB Research, Stand: März 2013, nur um etwa 2,8 Prozent. Das Wirtschaftswachstum lag nur noch bei 4,6 Prozent, der schwächste Wert seit zehn Jahren. Auch der private Konsum, eigentlich eine wichtige Stütze der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, ging zurück. Dieser lag 2012 laut der Jahresprognose von DB Research für Indien nur noch bei 5,5 Prozent. Doch scheint sich die indische Wirtschaft inzwischen wieder zu erholen. Laut GTAI spielen dabei die sich verbessernden externen Rahmenbedingungen und ein von der Regierung angekündigtes Reformpaket eine wichtige Rolle. In seiner Jahresprognose geht DB Research davon aus, dass die Wirtschaft des Subkontinents 2013 wieder um 6,8 Prozent zulegen wird. Die Investitionen sollen um 7,5 Prozent steigen, der Konsum um 6,3 Prozent.


Wachsende Mittelschicht

Dabei dürfte künftig vor allem der Konsum Potenzial haben. Schließlich zeichnet die größte Demokratie der Welt eines ganz besonders aus: ihre demografische Struktur. Rund 31 Prozent der Bevölkerung sind nach DSW-Angaben unter 15 Jahre alt, nur rund fünf Prozent älter als 65 Jahre. Die natürliche Wachstumsrate liegt bei 1,5 Prozent, die Bevölkerung soll bis 2050 auf rund 1,7 Milliarden Menschen anwachsen. Bis 2020 sollen der Altersgruppe zwischen 15 und 60 Jahren gar 63 Prozent der Bevölkerung angehören. Im Jahr 2010 kamen auf einen Inder über 64 Jahre 13 erwerbstätige Menschen. Zum Vergleich: In Europa liegt dieses Verhältnis bei eins zu vier. Jedes Jahr, so berichtete das Magazin „Der Spiegel“ im April 2012, machen mehr als drei Millionen Inder ihren Universitätsabschluss, wobei die Ausbildung vielerorts westlichen Standards entspricht. Dies bedeutet, eine Vielzahl gut ausgebildeter junger Arbeitskräfte dürfte künftig zur Wirtschaftsleistung Indiens beitragen. Dies könnte zur Folge haben, dass die Mittelschicht wächst. Nach Schätzung der Unternehmensberatung McKinsey sollen dieser im Jahr 2025 rund 580 Millionen Menschen angehören. Zugleich sinkt die Zahl der unter der Armutsgrenze lebenden Inder. Nach Angaben der Weltbank mussten im Jahr 1981 noch 60 Prozent der Menschen dort mit 1,25 Dollar am Tag auskommen. 2010 lebten laut CIA World Factbook zwar noch immer 29,8 Prozent unter der Armutsgrenze, aber der Anteil ist eben nur noch halb so hoch wie 20 Jahre zuvor.

Die Veränderungen, die der strukturelle Wandel und die hohe Konjunkturdynamik mit sich bringen, werden langsam sichtbar. Seit Beginn der 1990er-Jahre hat sich die Einkommensverteilung sowohl der ländlichen wie auch der städtischen Bevölkerung spürbar verbessert. Dies zeigt sich auch am veränderten Konsumverhalten der Haushalte. Laut der Studie „The rise of India’s consumer market“ vom August 2012 gaben indische Haushalte nach Angaben des McKinsey Global Institute im Schnitt im Jahr 1995 noch 61 Prozent für den Grundbedarf wie Nahrungsmittel aus. 2015, so die Schätzung von McKinsey, sollen es nur noch 39 Prozent sein.


Flaschenhals Infrastruktur

Allerdings muss die Regierung eine Gefahr für die wirtschaftliche Dynamik in den Griff bekommen: die ungenügende Infrastruktur. Das Straßennetz gilt als marode, große Teile der Bevölkerung sind nicht an das Stromnetz angeschlossen, an manchen Orten ist die Energieversorgung gefährdet. Schreitet die Modernisierung der Infrastruktur nicht rasch voran, droht dem Land der Kollaps. Das könnte sich als Flaschenhals für das Wirtschaftswachstum erweisen. Allerdings waren die Ankündigungen neuer Projekte laut dem GTAI-Bericht „Indien im Fokus 2013“ zwischen 2010 und 2012 rückläufig. Ein Grund dafür dürfte auch die angespannte Haushaltslage des indischen Staates sein. Das Budgetdefizit lag laut der Jahresprognose für Indien von DB Research 2012 bei acht Prozent. 2013 soll es auf 7,5 zurückgehen. Die Staatsverschuldung lag Ende 2012 laut DB Research, Stand: März 2013, bei 67,6 Prozent des BIP. Allerdings soll diese nach Einschätzung von DB Research ab 2013 zurückgehen. Zudem beträgt die Auslandsverschuldung des Staates nur 3,4 Prozent.

Ebenfalls rückläufig ist die Inflationsrate. Sie soll laut DB Research von 7,5 Prozent 2012 auf 6,5 Prozent im Jahr 2013 sinken. Hoffnung machen zudem die von der 2012 neu gewählten Regierung angekündigten Reformen. Die Wachstumsstory Indiens könnte sich nach der Schwächephase 2012 also langfristig fortsetzen. Jedoch müssen Anleger bedenken, dass der Aktienmarkt Indiens in den vergangenen Jahren erheblichen Kursschwankungen unterworfen war. So stieg der indische Aktienindex BSE Sensex* nach Berechnung der Stock Exchange Mumbai am 8. Januar 2008 auf 20.873 Punkte. Die Finanzkrise aber sorgte dafür, dass der Index im Oktober 2008 bis auf 9.975 Punkten einbrach. Am 5. November 2010 schloss er dann wieder bei 20.893 Punkten. Ausgelöst durch die Staatsschuldenkrise der Industriestaaten ging der Kurs des Sensex dann ab Mitte 2011 wieder zurück. Am 14. März 2013 notierte er bei 19.570 Punkten.

Doch trotz guter Wachstumsvoraussetzungen gilt für Investments am indischen Aktienmarkt, dass diese nicht risikolos sind. Eine Anlage in Vermögenswerte der Emerging Markets unterliegt in der Regel höheren rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Risiken als eine Anlage in Vermögenswerte der Märkte in Industrieländern.

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