China

China am Scheideweg


  • Durch den steigenden Wohlstand der Bevölkerung, der Entwicklung einer riesigen Mittelschicht und einem sich ändernden Konsumverhalten birgt der chinesische Binnenmarkt ein enormes Potential.
  • Das rasante exportgetriebene Wirtschaftswachstum macht China derzeit zwar zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, stößt hier jedoch langsam an seine Grenzen. Eines der wichtigsten Ziele der chinesischen Regierung ist daher die Stärkung der Binnenkonjunktur um weniger anfällig für externe Krisen zu werden.
  • Das Land ist auf einem guten Weg in absehbarer Zeit zur größten Wirtschaftsnation der Welt aufzusteigen.
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Dank seines rasanten exportgetriebenen Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahrzehnten ist China derzeit die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Doch scheint dieses Modell langsam an seine Grenzen zu stoßen. Gelingt nun aber die Transformation zu einem binnenwirtschaftlich getriebenen Wachstum, dann könnte sich der wirtschaftliche Aufholprozess fortsetzen.


China ist das Land der Superlative. Zwischen 2003 und 2008 wuchs die Wirtschaft der Volksrepublik laut dem World Economic Outlook vom April 2011 des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von mehr als zehn Prozent. Selbst im Rezessionsjahr 2009 waren es laut derselben Quelle 9,2 Prozent, im Folgejahr gar 10,3 Prozent. Dieses dynamische Wachstum führte dazu, dass China im Jahr 2010 laut DB Research auf ein nominales Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5.879 Milliarden Dollar kam. Damit ist China nach Angaben der Weltbank an Japan vorbeigezogen und hinter den USA zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen. Entscheidend für diese Entwicklung war der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001. Aufgrund niedriger Arbeitskosten verlagerte sich die Produktion vieler Güter immer stärker gen Osten – China wurde zur Werkbank der Welt. Eine keineswegs ungewöhnliche Entwicklung. Vielmehr ist es ein langfristiger Trend, der in China nun seine Fortsetzung findet. Nahm die Industrialisierung ihren Anfang in Europa und den Vereinigten Staaten, so verlagerte sie sich in den 1970er-Jahren nach Japan, das damals zu deutlich niedrigeren Löhnen produzieren konnte. In den 1980er-Jahren kamen die Tigerstaaten hinzu, in den 1990er-Jahren folgten die Länder Osteuropas, vor allem Polen, Tschechien und Ungarn.


Neue Wirtschaftsmacht

Nun hat China den Weg der Industrialisierung eingeschlagen. Allerdings, anders als andere Wirtschaftsräume zuvor, mit einem scheinbar unerschöpflichen Potenzial an Arbeitskräften. Mit über 1,35 Milliarden Menschen, so die Angabe des Datenreports 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, ist China das bevölkerungsreichste Land der Erde. Und es hat damit begonnen, Waren für die weltweiten Gütermärkte zu produzieren. Allein zwischen 1992 und 2008 sind die Ausfuhren laut der Studie „An Anatomy of China’s Export Growth“ der Weltbank vom Januar 2008 real um mehr als 500 Prozent gestiegen. Laut dem CIA World Factbook, Stand: Februar 2013, hat das Reich der Mitte im Jahr 2010 Deutschland als Exportweltmeister abgelöst und konnte diesen Titel auch 2011 und 2012 für sich beanspruchen. Gleichzeitig nahmen die Importe zu. China ist heute der größte Konsument von Agrarrohstoffen sowie nach Angaben des Rohstoffreports 2011 der Deutschen Rohstoffagentur größter Nachfrager von sämtlichen Industriemetallen. Auch der Bedarf an Rohöl steigt. Reichten Mitte der 1990er-Jahre die eigenen Ölreserven aus, so muss die Volksrepublik inzwischen Öl importieren. Damit scheint das Land Dreh- und Angelpunkt der gesamten wirtschaftlichen Dynamik aller Emerging Markets zu sein. Gleichzeitig mit dieser wirtschaftlichen Entwicklung haben sich die volkswirtschaftlichen Kennzahlen des Landes zuletzt stark verbessert. Die Devisenreserven betrugen nach Angaben von DB Research, Stand: März 2013, Ende 2012 mehr als 3,3 Billionen Dollar, die Handelsbilanz weist 2012 einen Überschuss von 231 Milliarden Dollar auf, und der Staat hat mit 0,5 Prozent des BIP so gut wie keine Auslandsverschuldung.

Doch vor allem in der Binnenkonjunktur steckt gewaltiges Potenzial. So nimmt angesichts des rasanten Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre der Wohlstand einiger Bevölkerungsschichten zu. 2005 lag der Anteil armer Haushalte in den urbanen Regionen Chinas laut dem „McKinsey Quarterly“ von 2006 noch bei 77,3 Prozent. Gemäß dem Report „Meet the 2020 Chinese Consumer“ vom März 2012 soll die Bevölkerung in den Städten bis 2020 aber auf 850 Millionen Menschen anwachsen. Und davon sollen dann 51 Prozent oder nahezu 400 Millionen Menschen der Mittelschicht angehören.

Allerdings haben die Finanzkrise und die Jahre 2011 und 2012 auch gezeigt, dass das allein vom Export und hohen staatlichen Investitionen getriebene Wirtschaftswachstum seine Grenzen hat. Denn das hohe Wirtschaftswachstum von 2009 war vor allem auf ein Konjunkturpaket des Staates in Höhe von umgerechnet 460 Milliarden Euro zurückzuführen. Als sich dann das Wirtschaftswachstum in den Exportmärkten, insbesondere in den Industriestaaten, abschwächte – es lag dort in den Jahren 2011 und 2012 laut dem World Economic Outlook des IWF von April 2013 nur noch bei 1,3 und 1,1 Prozent –, hinterließ dies Bremsspuren in der Volkswirtschaft Chinas. Dazu kam eine restriktive Geldpolitik, die unter anderem nötig geworden war, weil sich der Preisauftrieb im Jahr 2011 laut DB Research auf 5,5 Prozent beschleunigt hatte. In der Folge schwächte sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft ab. 2012 lag es nach IWF-Angaben nur noch bei 7,8 Prozent.

Möglicherweise waren all das Beweggründe für die Führung in Peking, die Wirtschaft nun umzustrukturieren. Sie gibt mit Fünfjahresplänen jeweils die Richtung der Entwicklung des Landes vor. Der zwölfte Fünfjahresplan, der den Zeitraum bis 2015 umfasst, wurde im Februar 2012 vom chinesischen Volkskongress abgesegnet. Nach Angaben der Weltbank zielt dieser auf eine Stärkung der Binnenkonjunktur ab. So sei ein Ziel, zwar das stabile und hohe Wachstum aufrechtzuerhalten, den Fokus aber stärker auf Preisstabilität und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu legen. Zudem sollen unter anderem der Dienstleistungssektor und der private Konsum mehr zum BIP beitragen. Die Löhne sollen steigen, die Armut weiter bekämpft, das soziale Sicherungsnetz ausgebaut, das Bildungssystem verbessert und der Energieverbrauch reduziert werden. Dabei könnte gerade eine bessere Alters- und Gesundheitsvorsorge dazu beitragen, die hohe Sparquote der Bevölkerung, die laut Weltbank 2011 bei über 50 Prozent des BIP lag, zu reduzieren und für mehr Konsum zu sorgen. All dies wird nun die Aufgabe der neuen Führung unter dem neuen Staatspräsidenten Xi Jinping und seinem Premier Li Keqiang sein.


Verändertes Konsumverhalten

Die guten Nachrichten aber sind, dass zum einen eine harte Landung der chinesischen Volkswirtschaft mit einem deutlichen Wachstumseinbruch ausblieb. Für das Jahr 2013 rechnet der IWF mit einer Wachstumsrate von wieder 8 Prozent, 2014 sollen es 8,2 Prozent sein. Zum anderen hat sich das Konsumverhalten ebenfalls gewandelt. Noch Mitte der 1980er-Jahre wurde nach Angaben des China Statistical Yearbook mehr als die Hälfte der Ausgaben eines Haushaltes für Lebensmittel aufgewendet. Inzwischen liegt dieser Anteil unter 50 Prozent. Stattdessen geben die Chinesen einen immer größeren Teil ihres Einkommens für Gesundheit, Kleidung, Freizeit oder Bildung aus. Oder für Autos. Nach Angaben des chinesischen Branchenverbandes CAAM löste China die USA 2009 als größter Autoabsatzmarkt der Welt ab. Und konnte diesen Titel auch in den Folgejahren verteidigen. 2012, so die CAAM-Informationen vom Januar 2013, wurden im Reich der Mitte 1,9 Millionen Pkw und Nutzfahrzeuge verkauft, 4,3 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2011.

Werden die geplanten Reformen umgesetzt, dann stehen die Chancen gut, dass sich Chinas Volkswirtschaft künftig besser von externen Krisen abkoppeln kann.

Und dann könnte auch der Ausblick für den Aktienmarkt positiv sein. So geht die OECD in einer Veröffentlichung vom November 2012 davon aus, dass China die USA schon im Jahr 2016 als größte Wirtschaftsnation der Welt ablösen könnte. Damit wäre das Reich der Mitte endgültig größte Volkswirtschaft der Welt. Und das könnte sich auch am Aktienmarkt niederschlagen. Dessen Entwicklungsmöglichkeiten lässt sich durch folgenden Vergleich veranschaulichen: Im Februar 2013 haben US-Aktien im Weltindex MSCI All Countries World Index laut dem Indexanbieter MSCI Barra ein Gewicht von rund 46 Prozent. Chinesische Titel dagegen kommen in dem Index auf 2,2 Prozent.

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