Russland

Fluch und Segen des Rohstoffreichtums


  • Auf Grund der Fokusierung auf Rohstoffe ist Russlands Wirtschaft extrem von der Weltkonjunktur abhängig. Dies führte zu rasantem Wachstum in Phasen steigender Rohstoffnachfrage, lies die Wirtschaft des Landes jedoch in Phasen von geringerer Nachfrage schrumpfen.
  • Die Politik ist bemüht alternative Wirtschaftszweige zu fördern um so die Abhängigkeit von der Entwicklung der Rohstoffmärkte zu verringern.
  • Die mangelnde Rechtsstaatlichkeit sowie wiederholte staatliche Interventionen stellen gewisse Risiken für die private Wirtschaft in Russland dar.
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Russlands Wirtschaft ist in erheblichem Maße von der Entwicklung der Rohstoffmärkte abhängig. Dies kann, angesichts einer steigenden Rohstoffnachfrage aus anderen Schwellenländern, eine Chance sein. Bricht die Weltkonjunktur aber ein, auch ein Risiko. Russland beginnt sich deshalb strukturell zu verändern.


Russland ist ein Land der Extreme. Es beherbergt das größte zusammenhängende Waldgebiet der Welt, die längste Eisenbahnstrecke der Erde oder mit dem Baikalsee den tiefsten Süßwassersee auf unserem Planeten. Wen kann es da verwundern, dass auch die wirtschaftliche Entwicklung zu Extremen neigt. Zwischen 1990 und 1996 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Angaben der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung um insgesamt 40 Prozent. Nicht gerade zu einer Verbesserung der Lage trugen damals die Asienkrise und ein deutlicher Rückgang des Ölpreises bei. Aufgrund der massiven wirtschaftlichen Probleme setzte die Regierung in der Folge zeitweise die Bedienung seiner Staatsschulden aus.

Doch nur zehn Jahre später war das Land in wirtschaftlicher Hinsicht kaum wiederzuerkennen. Zwischen 1999 und 2008 wuchs Russlands Wirtschaft laut der Wirtschaftsstatistik der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung im Durchschnitt mit über sechs Prozent pro Jahr. Russland war 2008 mit einer Wirtschaftsleistung von über 1,6 Billionen Dollar zur achtgrößten Wirtschaftsnation der Welt aufgestiegen. Die Handelsbilanz wies im selben Jahr laut DB Research einen Überschuss von 175,7 Milliarden Dollar auf. Doch mit der Finanzkrise raste die russische Volkswirtschaft erneut in die andere Richtung, in das andere Extrem. Aufgrund des massiv eingebrochenen Ölpreises schrumpfte sie laut dem World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Krisenjahr 2009 um 7,8 Prozent.


Rasche Erholung

Dass die Wirtschaft ab 2010 wieder auf den Wachstumspfad einschwenkte, ist unter anderem den enormen Devisenreserven des Landes zu verdanken. Nach Angaben von DB Research lagen diese Ende 2012 bei 473 Milliarden Dollar. 2013 soll die Summe sogar auf 530 Milliarden Dollar steigen. Diese enormen Reserven versetzen die Regierung des Landes in die Lage, die Konjunktur im eigenen Land durch umfangreiche Hilfspakete zu unterstützen. So auch in der Krise. Zudem konnte durch diesen finanziellen Spielraum der Verfall des russischen Rubels, der durch Kapitalflucht infolge der Finanzkrise ausgelöst worden war, gestoppt werden. Zwischen November 2008 und Frühjahr 2009 hatte der Rubel gegenüber den wichtigsten Währungen fast ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Doch gelang es Russland, dank massiver Stützungskäufe den Verfall zu stoppen und die Währung auf niedrigerem Niveau zu stabilisieren. Dies hatte zwei positive Effekte. Zum einen wurden russische Waren im Ausland billiger, was wie ein Konjunkturprogramm für die Exportwirtschaft wirkte. Zum anderen hatte die Notenbank nun Spielraum, um die Wirtschaft mit Zinssenkungen zu unterstützen. All dies zeigte Wirkung, auch langfristig. 2010 und 2011 wuchs Russlands Wirtschaft nach IWF-Angaben real um 4,5 und 4,3 Prozent, 2012 waren es 3,4 Prozent. Und 2013 rechnet der IWF mit einem Plus von ebenfalls 3,4 Prozent.

Dabei hat vor allem der Ölpreis eine enorme Bedeutung für die russische Ökonomie. Schließlich verfügt die ehemalige Sowjetrepublik über gewaltige Reserven an Erdöl. Laut dem Energy World Book 2012 von BP liegen die Vorkommen bei etwa 82 Milliarden Barrel (1 Barrel entspricht 159 Liter). Dazu kommen immense Gasreserven. Laut dem von der US-Bundesbehörde Central Intelligence Agency (CIA) herausgegebenen World Factbook, das Statistiken zu allen Ländern der Welt enthält, ist Russland der größte Gaslieferant der Welt. Nach Schätzung von DB Research liegt der Exportanteil von Öl und Gas bei 60 Prozent, Direktinvestitionen fließen zu 50 Prozent in den Energiesektor, zu den Staatseinnahmen trägt die Branche mit 35 Prozent bei, zur Wirtschaftsleistung mit 30 Prozent.

Allerdings hat die Internationale Energieagentur (IEA) im Februar 2013 ihre Prognose für den Ölbedarf gesenkt. Während die Nachfrage in normalen Wirtschaftsjahren jeden Tag durchschnittlich um 1,4 Millionen Barrel zulegt, erwartet die IEA in ihrem Monatsbericht für 2013 im Schnitt nur einen Anstieg um 840.000 Barrel pro Tag. Das könnte sich negativ auf den Ölpreis auswirken. Aber auch die Preise für Industriemetalle beeinflussen Russlands Wirtschaft. Schließlich ist das Land laut CIA World Factbook drittgrößter Exporteur von Stahl und Aluminium. Insgesamt machen Energie- und andere Rohstoffwerte nach Angaben des Indexanbieters Russian Trading System mehr als 70 Prozent der Marktkapitalisierung an Russlands Aktienmarkt aus. Ein Investment am russischen Aktienmarkt kann deshalb auch eine Wette auf weiter steigende Notierungen für Öl, Gas und Industriemetalle sein und damit letztlich auf eine weiter wachsende Weltwirtschaft.


Nicht nur Chancen

Allerdings sorgen Russlands allgegenwärtige Korruption, die mangelnde Rechtsstaatlichkeit und staatliche Interventionen immer wieder für negative Schlagzeilen. Russland rangiert laut Transparency International auf der Liste der am wenigsten korrupten Länder sehr weit hinten. Russland belegte demnach 2012 Rang 133 von insgesamt 176 untersuchten Nationen, zusammen mit Nationen wie Honduras, dem Iran oder Kasachstan. Der Mangel an Rechtsstaatlichkeit manifestierte sich laut Auswärtigem Amt der Bundesrepublik Deutschland auch wiederholt in Eingriffen des Kreml in die Wirtschaft bis hin zur Enteignung ganzer Konzerne. Dafür verantwortlich ist in erster Linie Wladimir Putin. Er wurde – erwartungsgemäß – im März 2012 erneut zum Präsidenten Russlands gewählt. Ein Amt, das er schon zwischen 2000 und 2008 innehatte.

Zudem bestehen in der einseitigen Ausrichtung der russischen Wirtschaft auf den Rohstoffsektor auch Risiken, wie die Entwicklung des Landes in der globalen Rezession 2009 verdeutlichte. Der Einfluss der Rohstoffpreise auf die russischen Finanzmärkte und die russische Volkswirtschaft ist enorm. Die größten Konzerne der russischen Börse sind fast ausnahmslos im Energiesektor oder in der Produktion industrieller Grundstoffe tätig. Keine andere Börse weltweit vollzieht somit die Ölpreiskurve derart stark nach. Dass dies zum Problem werden kann, hat man inzwischen auch im Kreml bemerkt. So hat Russlands früherer Präsident Dmitri Medwedew nach dem Vorbild des amerikanischen Silicon Valley im Jahr 2010 das Innovationszentrum Skolkovo gegründet. Dort, so die Idee, sollen nach Angaben von Germany Trade & Invest (GTAI), die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing, hochmoderne Technologien unter anderem in den Bereichen Biomedizin, Energie und Informationstechnologie entwickelt werden. Bemerkenswert ist auch, dass der Dienstleistungssektor in Russland laut GTAI bereits mehr als 60 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes beiträgt. Auch im Maschinenbau und in der Metall verarbeitenden Industrie ist Russland stark. Die starke Abhängigkeit vom Öl geht somit langsam zurück.

Nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2012 erhoffen sich Investoren weitere Impulse und einfachere Geschäfte. Russland verpflichtet sich mit dem Schritt, seine Märkte stärker zu öffnen. Russland war bislang die einzige große Volkswirtschaft, die nicht der WTO angehörte, und ist der 156. Mitgliedsstaat der Organisation. Die Weltbank schätzt, dass das russische Bruttoinlandsprodukt bis 2020 rund elf Prozent höher ausfallen könnte als ohne Beitritt.

Der Beitritt ist zugleich ein positives Signal für die Fortsetzung des Umbaus der Wirtschaftsstruktur. Doch wird dieser auch nicht von heute auf morgen geschehen. Die Abhängigkeit des russischen Aktienmarktes von der Entwicklung des Ölpreises, die mit starken Kursschwankungen verbunden sein kann, dürfte sich in nächster Zeit deshalb fortsetzen.

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