Mexiko

Ein Land im Wandel


  • Die Ankündigung von Wirtschaftsreformen durch eine neue Regierung verspricht Impulse für die mexikanische Wirtschaft.
  • Eine gute Arbeitsmarktentwicklung sowie ein überdurchschnittliches Wachstum der Erwerbsbevölkerung verschaffen dem Land Wettbewerbsvorteile.
  • Das Land profitiert als günstiger Produktionsstandort von der Nähe zu den Vereinigten Staaten. Dies macht es jedoch auch in hohem Maße Abhängig von der US Konjunktur.
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Mexiko hat eine junge Bevölkerungsstruktur und ist reich an Rohstoffen. Damit bringt das Land zwei Voraussetzungen mit, um nachhaltig zu wachsen und langfristig zu den Industriestaaten aufzuschließen. Eine neue reformwillige Regierung könnte für zusätzlichen Schwung sorgen.


Seit 1987 veröffentlicht das US-Magazin Forbes die Liste der reichsten Menschen der Welt. In den vergangenen Jahren dominierten diese Liste wenige Personen: Bill Gates, Gründer des Softwarekonzerns Microsoft, oder die Investorenlegende Warren Buffett. Doch gibt es noch einen Dritten, der seit Jahren vorn mit dabei ist und sich 2010, 2011 und 2012 sogar an die Spitze der Liste setzen konnte: den Mexikaner Carlos Slim Helú.

Auf 73 Milliarden Dollar taxierte Forbes sein Vermögen 2012. Zwar ist Carlos Slim Helú nicht repräsentativ für ein Land, in dem immer noch Armut herrscht. Laut einem 2011 erschienenen Bericht der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (VN-ECLAC) leben 36,6 Prozent aller Mexikaner unter der Armutsgrenze. Betroffen sind insbesondere ländliche Gebiete mit schwacher Infrastruktur. Kennzeichnend für die Entwicklung des mittelamerikanischen Staates ist es aber dennoch, dass der Sohn libanesischer Einwanderer auf Platz eins der Forbes-Liste steht. Slims Website zufolge zählen zu seinem Firmenimperium, das in der Holding Grupo Carso zusammengefasst ist, auch börsennotierte mexikanische Unternehmen, darunter die größte Telefongesellschaft des Landes, Telmex, oder das Medienunternehmen Televisa. Dass sein Vermögen so rasant gewachsen ist, führt Forbes so unter anderem auf gestiegene Kurse an Mexikos Aktienmarkt, einen starken Peso und erfolgreiche Immobilienverkäufe zurück. In der Tat hat sich Mexikos Aktienmarkt in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt. Am Jahresende 2001 notierte der Aktienindex IPC* laut dem Börseninformationsdienst Bloomberg bei gerade mal 6.372 Punkten. Am 28. Januar 2013 erreichte er aber nach Bloomberg-Angaben einen Höchststand bei 45.912 Punkten. Der Aktienmarkt, und damit auch die Beteiligungen von Carlos Slim Helú, sind damit ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Nach Angaben des World Economic Outlook vom April 2013 des Internationalen Währungsfonds (IWF) lag das Wirtschaftswachstum zwischen 2004 und 2008 bei durchschnittlich 3,4 Prozent. Zwar kam es infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009 zu einem deutlichen Einbruch um sechs Prozent, doch legte die Wirtschaft schon 2010 nach IWF-Angaben wieder 5,9 Prozent zu. 2011 und 2012 waren es jeweils 3,9 Prozent. Für 2013 liegt die IWF-Prognose bei 3,4 Prozent.


Solidere Staatsfinanzen

Das wirtschaftliche Wachstum in den Jahren vor der Finanzkrise hat das Land genutzt, um seine Staatsfinanzen auf eine solide Basis zu stellen. Die Devisenreserven Mexikos betragen laut DB Research, Stand: März 2013, 2012 153,5 Milliarden Dollar, die gesamte Staatsverschuldung beträgt 35,3 Prozent des BIP. Mit einem von DB Research angegebenen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1.178 Milliarden Dollar 2013 verzeichnet Mexiko nach Brasilien die zweitgrößte Wirtschaftsleistung Lateinamerikas. Das Pro-Kopf-Einkommen betrug laut DB Research 2012 10.086 Dollar. Ein Durchschnittseinkommen, mit dem Mexiko also deutlich über dem von der Weltbank definierten Einkommen von 5.000 Dollar liegt, ab dem Konsum über den täglichen Bedarf hinaus möglich ist. Mit anderen Worten: Der durchschnittliche Mexikaner – zu dieser Mittelschicht zählen nach Angaben der Weltbank vom November 2012 rund 70 Millionen Mexikaner – kann über den Grundbedarf hinaus konsumieren, er kann sich einen Kühlschrank, einen Fernseher oder auch ein Auto leisten. Der Privatkonsum erwies sich ohnehin seit 2011 als wichtige Konjunkturstütze. Hilfreich war dabei die gute Arbeitsmarktentwicklung. Seit dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise im Juni 2009 sind bis September 2012 laut Daten von GTAI, der Gesellschaft für Außenhandel und Standortmarketing des Bundes, etwa zwei Millionen formelle Arbeitsplätze entstanden. Noch dynamischer war die Entwicklung im informellen Sektor.

Zudem verfügt Mexiko über eine junge und wachsende Bevölkerung. Nach Angaben des Datenreports 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) liegt die natürliche Wachstumsrate, die Differenz aus Geburten- und Sterberate, bei 1,5 Prozent. Zum Vergleich: In den Industrienationen insgesamt beträgt diese nur 0,2 Prozent. Bis 2050 soll die Bevölkerung Mexikos auf fast 144 Millionen Menschen anwachsen. Im Jahr 2012 waren dort 28,2 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre und nur 6,6 Prozent älter als 65 Jahre. Dies könnte sich positiv auf die künftige Wirtschaftsentwicklung auswirken, da ein überdurchschnittliches Wachstum der Erwerbsbevölkerung einerseits dafür sorgt, dass der Faktor Arbeit günstig bleibt. Zum anderen bringt dies eine bessere, aus der Renten- und Krankenversicherung resultierende Lastenverteilung zwischen den Generationen mit sich. Das heißt, dass die Lohnnebenkosten und die Steuersätze niedrig gehalten werden können – ein Wettbewerbsvorteil.


Impulse durch neue Regierung

Im Dezember 2012 kam eine neue Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto an die Macht. Sie hat Wirtschaftsreformen, allen voran die Öffnung des Energiesektors für mehr privates Engagement, angekündigt. Werden diese verwirklicht, könnte dies in den kommenden Jahren unter anderem im Öl- und Gassektor sowie in der Chemieindustrie umfangreiche – auch ausländische – Investitionen entfachen. So plant die neue Regierung die Öffnung des Ölsektors, um die Einnahmen aus der Branche zu stützen, die nach Angaben von GTAI etwa 35 Prozent des Staatshaushalts ausmachen. Durch massive Investitionen konnte der starke Einbruch der Förderung in den vergangenen Jahren gebremst werden. Als Lichtblick für den Sektor konnte die Regierung im August 2012 einen ersten größeren Fund in den Tiefen des Golfes von Mexiko verkünden.

Doch auch weitere Aspekte machen das Land interessant: Mexiko ist als Schwellenland gleichzeitig Mitglied der OECD, in der es seit Juni 2006 den Generalsekretär Angel Gurría stellt – eine Tatsache, die Mexikos Selbstverständnis als Industrienation unterstreicht. Mexiko ist ebenfalls Mitglied der G20, deren Präsidentschaft es 2012 ausgeübt hat. Hinzu kommt mit den vorhandenen Rohstoffen ein weiterer positiver Faktor. Nach Angaben des CIA World Factbook verfügt Mexiko unter anderem über Reserven an Kupfer, Gold, Zink, Eisen und Gas. Besonders wichtig sind zudem die Erdölreserven. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland ist Mexiko unter den Ölproduzenten und den Erdöl exportierenden Staaten jeweils an Platz sechs weltweit. Neben dem Ölsektor gibt es in Mexikos Wirtschaft aber noch einen zweiten Knackpunkt: die Nähe zu den Vereinigten Staaten.

Die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg Mexikos bis zur Finanzkrise bildet unter anderem die Gründung der Nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA im Jahr 1994, in der auch Kanada vertreten ist. Vergleichbar der Produktionsverlagerung von West- nach Osteuropa entdeckten auch viele US-Unternehmen den südlichen Nachbarn als günstigen Produktionsstandort. Dies führte zu einer starken Abhängigkeit der mexikanischen Wirtschaft von den USA. Nach Angaben von GTAI wickelt das ehemalige Aztekenreich aktuell rund 80 seines Außenhandels mit den Vereinigten Staaten ab. Dies bedeutet, dass Mexikos Wirtschaft, bei allen guten Voraussetzungen, in erheblichem Maße von der ökonomischen Entwicklung des nördlichen Nachbarn mitbestimmt wird. Dies birgt Risiken und Chancen gleichermaßen. Auch wenn Mexikos Wirtschaft in erheblichem Maße von den Konsumenten beeinflusst wird, so sind doch auch diese indirekt vom Exportsektor abhängig. Für Anleger ist ein Investment auf den mexikanischen Aktienmarkt, zumindest auf kürzere bis mittlere Sicht, deshalb auch eine Wette auf die wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten. Gelingt es der führenden Wirtschaftsnation nicht, das Problem seiner immensen Verschuldung in den Griff zu bekommen und auf den alten Wachstumspfad zurückzukehren, so dürfte darunter auch Mexikos Wirtschaftswachstum leiden. Schafft Amerikas Wirtschaft aber ein nachhaltiges Wachstum, dann könnte dies die mexikanische Wirtschaft zusätzlich anschieben.

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