Brasilien

Südamerikas Musterökonomie


  • Beträchtliche Investitionen in die bisher schlechte Infrastruktur des Landes sollen ein nachhaltiges und anhaltendes Wirtschaftswachstum gewährleisten.
  • Die immer stabiler werdende Binnenkonjunktur schafft eine zunehmende Unabhängigkeit von Exporten und weltweiten Konjunkturschwankungen.
  • Das rohstoffreiche Brasilien profitiert von einer dauerhaft hohen Nachfrage nach Agrar- und Mineralrohstoffen, insbesondere aus den Emerging Markets.
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Fußball-WM 2014, Olympia 2016 – Brasilien steht in den kommenden Jahren gleich mehrfach im Fokus des weltweiten Interesses. Auch wirtschaftlich hat sich das Land in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Und mit seinem Rohstoffreichtum und seiner jungen und konsumhungrigen Bevölkerung scheint die größte Ökonomie Südamerikas auch für die Zukunft gut aufgestellt.


Brasilien, der südamerikanische Global Player, steht zusehends im Rampenlicht. Und das nicht nur, weil das Land Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft 2014 und Gastgeber der Olympischen Spiele 2016 sein wird. Sondern auch, weil sich der Amazonasstaat in den vergangenen Jahrzehnten gründlich gewandelt hat. Noch Mitte der 1980er-Jahre prägten Armut, Hyperinflation und Diktatur den Alltag. Nicht einmal drei Jahrzehnte danach hat sich Brasilien laut CIA World Factbook, Stand: März 2013, zur siebtstärksten Wirtschaftsmacht der Welt entwickelt, die mit den USA, mit China und den großen europäischen Ländern auf Augenhöhe agiert. Gleichzeitig nimmt die Armut ab. Laut Weltbank lebten 2005 noch 30,8 Prozent der Brasilianer unter der Armutsgrenze. Nach Angaben des im Januar 2012 vorgestellten Jahresberichts der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen waren es 2011 nur noch 20,9 Prozent.


Erstaunlicher Wandel

Brasilien hat einen erstaunlichen Wandel hinter sich. Dem früheren Präsidenten Luiz Inácio da Silva, kurz Lula genannt, gelang es, das Land nach einer schweren Wirtschaftskrise zu anhaltender wirtschaftlicher und finanzieller Stabilität zu führen. Ein Geheimnis seines Erfolges: eine disziplinierte Geld- und Fiskalpolitik. Nachfolgerin Dilma Rousseff führt diese Politik nun weiter.

Auch der Staatshaushalt wurde saniert. Die Staatsschulden lagen 2012 laut der Jahresprognose von DB Research für Brasilien, Stand: März 2013, bei 57,8 Prozent des BIP. Doch stehen diesen Verbindlichkeiten Devisenreserven in Höhe von 362 Milliarden Dollar gegenüber. Die Anfälligkeit der Wirtschaft aufgrund der bislang hohen Auslandsverschuldung wird somit immer geringer. Für 2013 erwartet DB Research ein Budgetdefizit von gerade mal 2,7 Prozent. Dank diverser Stützungsmaßnahmen konnte Brasilien die Finanzkrise rasch hinter sich lassen. Die Arbeitslosenquote, die Anfang 2009 kurzzeitig auf neun Prozent gestiegen war, fiel 2012 laut DB Research sogar auf 5,5 Prozent. Nach Angaben des World Economic Outlook vom April 2013 wuchs Brasiliens Wirtschaft im Jahr 2012 zwar nur um 0,9 Prozent, doch schon 2013 soll die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas nach Schätzung des IWF um drei Prozent zulegen. Diese positiven Entwicklungen begrüßen offenbar auch die internationalen Investoren. Deren Vertrauen in Brasiliens Stabilität scheint unerschüttert. Nachdem 2010 nach Angaben von DB Research bereits insgesamt 48 Milliarden Dollar in Brasilien investiert wurden, erreichten die ausländischen Direktinvestitionen 2012 sogar 65,3 Milliarden Dollar. Auch zeigte sich die Stabilität an der jüngsten Währungsentwicklung. Der früher stark schwankende Wechselkurs ist nach Angaben von Germany Trade and Invest, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes, nachfolgend GTAI genannt, dank der Eingriffe der Zentralbank deutlich stabiler geworden, und der Brasilianische Real ist mittlerweile weniger stark überbewertet als noch vor Kurzem. Kritiker sprechen sogar vom Ende des flexiblen Wechselkurses. Zwar bestätigen Regierungsvertreter einen Richtwert von zwei Brasilianischen Real pro US-Dollar, so GTAI, bestreiten aber, dass Brasilien die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie über den Wechselkurs erreichen will. Die Maßnahme diene nur dem Schutz vor unlauteren Maßnahmen anderer Regierungen.


Zunehmende Konsumtätigkeit

Doch vor allem ist es der Konsum, der in Brasilien beeindruckt. Und der war in den vergangenen Jahren nicht allein ein Ergebnis der Regierungsmaßnahmen. Vielmehr ist die immer stabilere Binnenkonjunktur ein Trend, der Brasilien zunehmend unabhängiger vom Export und der weltweiten Konjunkturentwicklung macht. Der Konsum hält die Konjunktur in Gang und wird dabei von Steuersenkungen, steigenden Löhnen und einem guten Kreditzugang unterstützt. Die Unternehmen nahmen 2012 laut GTAI trotz Produktionsflaute keine umfangreichen Entlassungen vor, um für die nächste Konjunkturwelle gewappnet zu sein. Zusätzlich lässt der demografische Bonus den Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung bis 2022 ansteigen. Die GTAI-Prognosen sehen für die kommenden Jahre ein stabiles Konsumwachstum von jeweils rund vier bis fünf Prozent vor.

Zu der derzeit bestehenden höheren politischen und wirtschaftlichen Stabilität sowie den guten makroökonomischen Rahmendaten kommt ein enormer Reichtum an Rohstoffen. Das Land zählt laut brasilianischer Botschaft zu den größten Exporteuren bei Sojabohnen, Mais, Orangensaft, Kaffee oder Rindfleisch. Doch nicht nur im Agrarsektor ist das Land vergleichsweise gut aufgestellt. Es ist laut GTAI auch der weltweit zweitgrößte Exporteur von Eisenerz.


Investitionen in den Rohstoffsektor

Die Regierung kündigte an, bis 2016 rund 75 Milliarden Dollar in den Abbau von mineralischen Rohstoffen investieren zu wollen. Trotz abgekühlter Weltkonjunktur rechnet die Branche mit einer dauerhaften Nachfrage aus den Emerging Marktes. Auch das global verknappte Angebot gibt nach GTAI-Angaben Brasilien einen Anreiz, neue Abbaugebiete zu erkunden. Gleiches gilt für neue Vorkommen an Erdöl. So wurden zuletzt vor der Küste Brasiliens mehrere neue Ölfelder entdeckt. Zu den bereits vorhandenen Reserven von rund elf Milliarden Barrel kommt damit ein geschätztes Volumen von wenigstens weiteren rund acht Milliarden Barrel hinzu.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Bevölkerungsstruktur. Derzeit leben dort laut dem Datenreport 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung 194,3 Millionen Menschen. Davon sind 24 Prozent unter 15 Jahre alt, nur rund sieben Prozent der Brasilianer sind älter als 65 Jahre. Und die Bevölkerung wächst. Bis 2025 soll die Bevölkerung Brasiliens auf 210 Millionen Menschen anwachsen. Dies ist ein weiterer Baustein, der das Land zu einem attraktiven Anlageland machen sollte.

Die bevorstehenden sportlichen Großereignisse sollten für zusätzliche Impulse sorgen: Es wurden bereits beträchtliche Investitionen in die Infrastruktur getätigt. Denn die schlechte Verkehrsinfrastruktur ist bislang ein Hemmschuh für die Wirtschaft des Landes, speziell der heimischen Industrie. Das Wirtschaftswachstum dürfte dank der Investitionen in den kommenden Jahren also an Dynamik gewinnen und die Grundlage für langfristiges nachhaltiges Wachstum verbessern.


Hohe Kursschwankungen

Doch trotz dieser sehr guten Wachstumsvoraussetzungen gilt für Investments am brasilianischen Aktienmarkt, dass diese nicht risikolos sind. Eine Anlage in Vermögenswerte der Emerging Markets unterliegt in der Regel höheren rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Risiken als eine Anlage in Vermögenswerte der Märkte in Industrieländern. Zudem zeichnete sich Brasiliens Aktienmarkt in den vergangenen Jahren durch hohe Kursschwankungen aus. So fiel der Aktienindex Bovespa* laut der brasilianischen Börse in der Finanzkrise unter die Marke von 40.000 Punkten, um sich dann wieder zu erholen und bis Ende 2010 auf fast 73.000 Punkte zu steigen. Infolge der Staatsschuldenkrise im Sommer 2011 fiel er dann auf rund 48.600 Punkte. Mitte März 2013 notierte der Index wieder bei rund 58.000 Zählern. Mit solchen Kursausschlägen sollten Anleger auch künftig rechnen.

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