Lateinamerika

Rohstoffreich und eine stabilere Politik


  • In den Ländern Lateinamerikas ist seit einigen Jahren eine zunehmende politische Stabilität zu Beobachten.
  • Die steigende Nachfrage auf dem Weltmarkt nach Rohstoffen begünstigt das Wachstum in der Region, die reich an Mineral- und Agrarrohstoffen ist.
  • Die Länder Lateinamerikas haben gezeigt, dass sie trotz der Krisen in den letzten Jahren ein stabiles Wachstum aufweisen können.
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Lateinamerika hat den vielleicht größten Sprung aller Schwellenländerregionen gemacht. Galten die Staaten dieses Wirtschaftsraums bis vor rund zehn Jahren als hoch verschuldet und politisch sowie wirtschaftlich instabil, so bewiesen einige dieser Länder in den jüngsten Krisen große Widerstandsfähigkeit.


Wer sich nach den attraktivsten Aktienmärkten der vergangenen zehn Jahre umsieht, der kommt an den Börsen Lateinamerikas nicht vorbei. Der mexikanische IPC-Index zum Beispiel notierte Anfang 2002 laut der Bolsa Mexicana de Valores noch bei rund 6.400 Punkten. Im Februar 2013 aber liegt er bei fast 44.000 Punkten. Der chilenische Aktienindex IGPA* stand Anfang 2002 nach Angaben der Bolsa de Comercio de Santiago bei rund 5.000 Punkten, Ende Februar 2013 sind es circa 21.000 Punkte. Der brasilianische Bovespa* notiert laut der Börse in São Paulo im Februar 2013 bei knapp 57.000 Punkten – das ist in etwa fünf Mal so viel wie zehn Jahre zuvor. Am 19. Mai 2008 hatte er gar einen Stand von fast 73.800 Punkten erreicht. Dass die Anleger den Firmen dieser Länder heute einen höheren Marktwert zugestehen als noch vor rund zehn Jahren, könnte darauf hindeuten, dass sich das politische und wirtschaftliche Umfeld in diesen Staaten zum Positiven verändert hat.


Musterschüler Brasilien

Ein Blick auf Brasilien. Noch im Jahr 2002 befand sich die größte Volkswirtschaft Südamerikas in einer schweren Krise und war gezwungen, beim Internationalen Währungsfonds Kredite in Höhe von 30,4 Milliarden Dollar zu beantragen. Doch aufgrund seines in den Folgejahren stark gewachsenen Exportsektors sowie des damit verbundenen Anstiegs der Devisenreserven konnte Brasilien seine Schulden vorzeitig zurückzahlen. Im Jahr 2012 verfügt das Land nach Angaben von DB Research, Stand: Februar 2013, über Devisenreserven von 362 Milliarden Dollar. Die Auslandsverschuldung des Staates liegt gerade mal bei 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), und der Staat erwirtschaftet einen Primärüberschuss von 2,4 Prozent des BIP.

Wie groß das Vertrauen ausländischer Investoren in die brasilianische Ökonomie ist, zeigen auch die Direktinvestitionen. Inmitten der Finanzkrise im Jahr 2009 lagen diese nach Angaben von DB Research, Stand: 30. November 2011, bei knapp 26 Milliarden Dollar – mehr als doppelt so hoch wie 2005. Und sie kletterten weiter. 2012 betrugen sie laut DB Research 63 Milliarden Dollar. Entscheidend für den Wandel waren nach Einschätzung der Experten der Weltbank neben der weltweit gestiegenen Rohstoffnachfrage vor allem strukturelle Reformen im Land und die Tatsache, dass die Geldpolitik die zum Teil sehr hohen Inflationsraten in den Griff bekommen hat.

Dies zeigte sich zum Beispiel an der Entwicklung der brasilianischen Währung* in der Finanzkrise: Zwar wertete der Real nach Angaben des Börseninformationsdienstes Onvista gegenüber dem Dollar im Jahr 2008 ab, doch erholte er sich rasch wieder und machte seine Verluste bis Anfang 2011 wett. Zeitweise wurde der Aufwertungsdruck sogar so stark, dass die Regierung des Landes ankündigte, sich gegen die Aufwertung stemmen zu wollen. Auch in der Folgezeit war die Entwicklung des Real nicht vergleichbar mit früheren Krisen, als Brasiliens Währung zeitweise ins Bodenlose zu stürzen drohte und durch die Geldpolitik gestützt werden musste. Aber Brasilien kam auch gut durch die Finanzkrise. Die Rezession kam in dem Land spät an und war nur von kurzer Dauer. Nach einem Rückgang des Wirtschaftswachstums 2009 um 0,2 Prozent wuchs die Wirtschaft des Landes schon 2010 laut DB Research wieder um 7,5 Prozent. Doch nicht allein in Brasilien hat sich aus wirtschaftlicher Sicht manches zum Positiven entwickelt.


Stabile Staatsfinanzen

Auch in einigen anderen Ländern dieses Wirtschaftsraums arbeiten die Regierungen an soliden makroökonomischen Rahmenbedingungen. Zum Beispiel in Mexiko. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region schrumpfte 2009 zwar um 6,5 Prozent, doch schon 2010 lag der Zuwachs laut DB Research, Stand: 30. November 2011, wieder bei 5,5 Prozent. Das Land verfügt 2012 über Devisenreserven in Höhe von 153,5 Milliarden Dollar, und der Staat weist mit 9,5 Prozent des BIP eine vergleichsweise geringe Auslandsverschuldung auf.

Noch solider steht die Volkswirtschaft Chiles da. Trotz Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Land laut DB Research 2009 einen Handelsüberschuss von 14 Milliarden Dollar erwirtschaftet, die Devisenreserven betragen Ende 2012 rund 41 Milliarden Dollar, und der öffentliche Sektor hat eine Auslandsverschuldung von gerade mal 1,8 Prozent des BIP. Dank staatlicher Stützungsmaßnahmen konnte sich Chile ebenfalls rasch von den Folgen der Finanzkrise erholen. Laut DB Research rutschte Chiles Wirtschaft zwar 2009 mit 1,7 Prozent ins Minus. Umso dynamischer verlief dann die Folgezeit. Zwischen 2010 und 2012 ist die Wirtschaft nach IWF-Daten um durchschnittlich fast sechs Prozent pro Jahr gewachsen. Dabei profitiert Chile von seinem großen Reichtum an Rohstoffen. Chile besitzt laut der Studie „Kupfer für Zukunftstechnologien“ des Fraunhofer Instituts vom Juli 2010 mit 140 Millionen Tonnen die weltweit größten Kupferreserven und rund 30 Prozent der globalen Lithiumvorräte. Dabei erfreut sich gerade Lithium steigender Nachfrage. Das Metall wird für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien benötigt, die in tragbaren Computern, Mobiltelefonen und künftig in Elektroautos zum Einsatz kommen.

Gut entwickelt haben sich in den vergangenen Jahren aber auch die Volkswirtschaften von Kolumbien und Peru. Perus Wirtschaft ist nach Angaben von DB Research, Stand: Februar 2013, 2012 um 6,4 Prozent gewachsen, für 2013 erwarten die Analysten ein Plus von 6,3 Prozent. In Kolumbien waren es 2012 3,8 Prozent, 2013 erwartet DB Research 4,1 Prozent Zuwachs. Auch die Staatsfinanzen beider Länder sind solide. Peru weist für 2012 eine Auslandsverschuldung von nur 13,6 Prozent des BIP auf, die Devisenreserven betragen 64 Milliarden Dollar. Kolumbien hat 2012 eine Auslandsverschuldung von knapp 11,3 Prozent des BIP und verfügt über Devisenreserven in Höhe von rund 35 Milliarden Dollar. Beide Länder profitieren zudem von steigenden Rohstoffpreisen. So verfügt Peru über Vorkommen an Gold, Silber, Kupfer und Zink, Kolumbien hat Kohle, Erdöl und -gas sowie Eisenerz, Kupfer, Nickel und Gold. Zudem wurden in Kolumbien, seit die Guerilla dort zurückgedrängt worden ist, viele Rohstofflagerstätten überhaupt erst zugänglich. Das zieht auch immer mehr Direktinvestitionen an. Für 2013 erwartet DB Research 14 Milliarden Dollar an Zuflüssen – sieben Mal so viel wie 2002. Weitaus schwieriger ist die Lage in Venezuela. Zwar hat das Land die größten Ölreserven in der Region. Nach Berechnungen der OPEC vom Juli 2011 verfügt der Staat im Norden Südamerikas über 296,5 Milliarden Barrel an Reserven – mehr als Saudi-Arabien. Doch gerade Venezuela macht das Risiko dieser Region deutlich. Dort war unter dem am 15. März 2013 verstorbenen Staatschef Hugo Chavez ein Linksruck festzustellen. Er trieb zeitweise die Verstaatlichung privater Firmen voran, was das Vertrauen ausländischer Investoren beeinträchtigte. An dieser Ausrichtung scheint sich auch nach Chavez’ Tod nichts zu ändern. Zwar ist das Land nicht im MSCI EM LatAm TRN Index enthalten, doch verdeutlicht Venezuela die Unsicherheit in Lateinamerika. Denn die Länder dieses Wirtschaftsraums sind stark von ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig. Eine Veränderung des politischen Klimas könnte dazu führen, dass sich Investoren von dort abwenden – was die Aktienmärkte unter Druck bringen würde. Dagegen allerdings spricht die jüngste Erfahrung, die etliche Länder der Region gemacht haben. Schließlich haben Staaten wie Brasilien oder Mexiko die jüngsten Krisen gut gemeistert. Auch im Sommer 2011, als sich die Weltkonjunktur im Zuge der Staatsschuldenkrise in den Industrieländern abzuschwächen drohte, entwickelte sich die Wirtschaft in den führenden Ländern der Region stabil weiter. Insofern besteht die Chance, dass sich die Regierungen der wirtschaftlich bedeutendsten Staaten nicht von ihrem Kurs einer stabilen Geld- und Fiskalpolitik abwenden. Und genau das könnte sich an den Aktienmärkten der im Wandel befindlichen Staaten langfristig positiv auswirken.

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