Schwellenländer

Neubewertung der Schwellenländer


  • Eine Verschiebung der globalen Wirtschaftsleistung von den entwickelten Industrienationen hin zu den Schwellenländern ist im vollen Gange.
  • Die zunehmende politische und wirtschaftliche Stabilität in den Emerging Markets geht einher mit einer größeren Unabhängigkeit dieser Länder von den Industrienationen.
  • Viele Schwellenländer haben einen Vorteil durch ihren großen Reichtum an Rohstoffen, einer jungen demographischen Struktur sowie solide Staatsfinanzen.
Mehr Informationen

Mit ihrer wirtschaftlichen Stabilität, die sie in den jüngsten Krisen gezeigt haben, und ihrem enormen Wachstumspotenzial könnte die Bedeutung der Schwellenländer für die Weltwirtschaft weiter zunehmen. Für Anleger könnte es sich deshalb auszahlen, die Emerging Markets sowohl auf der Aktien- wie auch auf der Anleiheseite in ihrem Portfolio stärker zu berücksichtigen.


Wer in der Wirtschaftsgeschichte einige Zeit zurückgeht, wird feststellen, dass diese keineswegs durch eine kontinuierliche Entwicklung gekennzeichnet war. Es war nicht immer ein und dieselbe Nation, die die führende Rolle in der Weltwirtschaft innehatte. Vielmehr ist die ökonomische Historie durch ständige Wechsel gekennzeichnet. Waren es vor langer Zeit Hochkulturen wie Ägypten oder China, die eine beherrschende Rolle spielten, so waren es später die Länder des Mittleren und Nahen Ostens, die vorübergehend wirtschaftlich führend waren. Im Verlauf des Mittelalters und endgültig mit der Industrialisierung setzten sich dann die Länder Europas an die Spitze der Entwicklung. Im Vergleich zu all dem ist die ökonomische Führungsrolle der Vereinigten Staaten noch sehr jung. Sie begann erst in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, der Dollar löste das Britische Pfund als Leitwährung erst nach dem Zweiten Weltkrieg ab.


Weltweiter Wandel

Dass es also wieder einen Wechsel bei der wirtschaftlichen Vormachtstellung geben wird, ist nicht auszuschließen. So geht die OECD im November 2012 davon aus, dass China die USA schon im Jahr 2016 als größte Wirtschaftsnation der Welt ablösen könnte. Im Jahr 2025, so die Experten der OECD weiter, soll das Bruttoinlandsprodukt Chinas und Indiens zusammen größer sein als das der heute führenden sieben Wirtschaftsnationen zusammen.

Der Grund liegt in ihrem Potenzial, eine höhere konjunkturelle Dynamik zu entfalten. Wie beeindruckend das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer ist, verdeutlicht ein Blick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte. Gemäß dem World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem Jahr 2007 wuchs die Weltwirtschaft zwischen 1989 und 1998 um 3,2 Prozent pro Jahr. Dabei legten die entwickelten Volkswirtschaften durchschnittlich 2,7 Prozent pro Jahr zu, in den Emerging Markets lag der Zuwachs jedoch, trotz Asienkrise in den 1990er-Jahren, bei 3,8 Prozent pro Jahr. In den folgenden zehn Jahren, von 1999 bis 2008, beschleunigte die Weltwirtschaft ihr Tempo. Sie wuchs mit durchschnittlich 4,4 Prozent pro Jahr. Nach Angaben des IWF lag das Wachstum der Industriestaaten in diesem Zeitraum aber jährlich bei nur 2,6 Prozent. Das zusätzliche Wachstum kam also allein von den Schwellenländern, die laut IWF ihre Wirtschaftsleistung um 6,5 Prozent pro Jahr steigern konnten. Doch vor allem setzten die Emerging Markets diese Dynamik auch im Krisenjahr 2009 und danach fort. Spätestens jetzt erleben wir eine Welt der zwei Geschwindigkeiten. Während die Weltwirtschaft in der Finanzkrise laut World Economic Outlook des IWF vom April 2013 um 0,6 Prozent schrumpfte und die Wirtschaftsleistung der Industriestaaten um 3,5 Prozent zurückging, erwirtschafteten die Schwellen- und Entwicklungsländer zusammen ein Plus von 2,7 Prozent. In den drei Jahren von 2010 bis 2012 wuchsen die entwickelten Volkswirtschaften nach Angaben des IWF nur um knapp zwei Prozent pro Jahr. Die Schwellen- und Entwicklungsländer aber legten im selben Zeitraum nach IWF-Schätzungen 6,3 Prozent pro Jahr zu.

Diese höheren Wachstumsraten führten dazu, dass die Schwellenländer bezogen auf die absolute Wirtschaftsleistung und das Pro-Kopf-Einkommen gegenüber den etablierten Volkswirtschaften aufholen. Deutlich wurde dies zum Beispiel im Jahr 2010. Laut dem CIA World Factbook, Stand: Oktober 2011, erwirtschaftete Japan ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5,459 Billionen Dollar. Chinas Wirtschaftsleistung dagegen betrug 5,878 Billionen Dollar. Damit ist China dank seiner höheren Wachstumsdynamik zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den Vereinigten Staaten aufgestiegen. Doch nicht nur China, auch Indien, Brasilien und andere Schwellenländer holen auf. Und diese Entwicklung dürfte sich fortsetzen. Denn die Voraussetzungen, um auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten schneller zu wachsen als die Industrienationen, liegen weiter vor.


Junge Bevölkerungsstruktur

Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Bevölkerung. Ein überdurchschnittliches Wachstum der Erwerbsbevölkerung kann dafür sorgen, dass der Faktor Arbeit günstig bleibt. Zudem ermöglicht die aus der Renten- und Kranken-versicherung resultierende Lastenverteilung zwischen den Generationen niedrigere Lohnnebenkosten und Steuersätze. In Ländern mit einer jungen Bevölkerungsstruktur könnte es deshalb künftig eine demografische Dividende, also ein höheres Wirtschaftswachstum, geben. Hier haben die Schwellenländer einen Wettbewerbsvorteil. Nach Angaben des Datenreports 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) leben dort über 82 Prozent der Menschen. Davon sind 29 Prozent jünger als 15 Jahre, nur rund sechs Prozent älter als 65 Jahre. In den Industriestaaten dagegen sind nur 16 Prozent jünger als 15 Jahre, aber 16 Prozent älter als 65. Und an dieser Tendenz wird sich vorerst wenig ändern. In den Schwellenländern liegt die natürliche Wachstumsrate, die Differenz aus Geburten- und Sterberate, laut DSW bei 1,4 Prozent, in den entwickelten Volkswirtschaften nur bei 0,1 Prozent. Das könnte zu einer Neubewertung von Staats- und Unternehmensanleihen sowie von Aktien aus den Schwellenländern führen.

Dabei hat diese Neubewertung in Ansätzen bereits begonnen. Aufgrund der immensen Staatsverschuldung wurden zuletzt von Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern beurteilen, etliche europäische Länder, darunter Italien und Spanien, herabgestuft. Im August 2011 verloren die USA ihre Bestnote, im Februar 2013 stufte die Ratingagentur Moody’s Großbritannien herab. Die entgegengesetzte Entwicklung ist zum Teil bei staatlichen Emittenten der Emerging Markets festzustellen. So haben die führenden Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch in den Jahren 2011 und 2012 nach eigenen Angaben Brasilien, Mexiko, Südafrika und Thailand auf Investment-Grade-Status angehoben. Nur einige Beispiele für einen Trend, der sich angesichts solider Staatsfinanzen und guter makroökonomischer Rahmenbedingungen in den Emerging Markets fortsetzen könnte. Dies könnte zu sinkenden Renditen und steigenden Kursen bei Emerging-Markets-Anleihen führen. Aber auch die Aktienmärkte der Schwellenländer könnten Potenzial bieten. Laut IWF-Angaben vom Oktober 2012 hatten die Emerging Markets im Jahr 2011 gemessen an der Kaufkraftparität einen Anteil von 48,9 Prozent an der weltweiten Wertschöpfung. Deren börsennotierte Unternehmen machen aber nach Angaben des Indexanbieters MSCI Ende 2012 nur rund 13 Prozent an der globalen Marktkapitalisierung aus. Auch bei Schwellenländeraktien könnte somit ein gewisses Aufholpotenzial bestehen.


Breit aufgestellter Index

Die Aktienmärkte dieser Länder bildet der von MSCI berechnete Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets ab (nähere Informationen unter http://www.msci.com/resources/fact_sheet). Er spiegelt, kurz zusammengefasst, die Wertentwicklung von mehr als 800 börsennotierten Unternehmen aus 21 verschiedenen Emerging Markets wider. Zu den größten Ländern zählen laut dem Indexsponsor Ende März 2013 China, Brasilien, Südkorea Taiwan und Südafrika. Diese Länder sollten mit ihrer zum Teil jungen Bevölkerungsstruktur und ihrem Rohstoffreichtum gute Voraussetzungen mitbringen, um im Vergleich zu den Industrienationen hohe Wachstumsraten nachhaltig aufrechterhalten zu können. Gelingt ihnen dies und nimmt ihre Bedeutung für die globale Wirtschaft zu, dann könnte sich das positiv auf die Aktienmärkte und die Staatsanleihen dieser Staaten auswirken.

Schließen