Einleitung

Auf der Schwelle zum Wohlstand


  • Steigende Pro-Kopf-Einkommen und ein stetig wachsender Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung sorgen für ein immer stärker durch die Binnenkonjunktur getriebenes Wachstum und somit einer größeren Unabhängigkeit von Exporten.
  • Die Emerging Markets konnten sogar in Zeiten der sich negativ entwickelnden Weltkonjunktur beachtliche Wachstumsraten aufweisen.
  • Verbesserte politische und ökonomische Rahmenbedingungen in vielen Ländern der Emerging Markets in den letzten Jahren begünstigen eine positive wirtschaftliche Entwicklung.
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Seit Jahren schon wachsen die Volkswirtschaften vieler Schwellenländer dynamischer als die der Industriestaaten. In den jüngsten Krisen erwiesen sich einige Emerging Markets, auch wenn diese an ihnen nicht ganz spurlos vorübergingen, sogar als Zugpferde der Weltkonjunktur. Diese Entwicklung, ihre wirtschaftliche Konvergenz hin zu den weiter entwickelten Volkswirtschaften, könnte sich fortsetzen. Die Basis dafür sind stabilere volkswirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die zunehmende Liberalisierung der Wirtschaft, eine junge demografische Struktur und ein zum Teil enormer Rohstoffreichtum.


In den vergangenen 50 Jahren war die Aufteilung der Welt in ökonomischer Hinsicht überschaubar und klar. Die Lokomotive der globalen Konjunktur waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Kühlte dort die Konjunktur ab, dann waren auch alle anderen Länder rund um den Globus betroffen. Sowohl in Europa wie auch in den Schwellenländern folgte die wirtschaftliche Entwicklung mehr oder weniger den Vorgaben aus Amerika. Dass der Einfluss der USA so groß ist, hat einen einfachen Grund: Sie sind mit ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung die mit Abstand größte Wirtschaftsnation der Welt. Im Jahr 1990, so die Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF), erwirtschafteten die Vereinigten Staaten ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5,8 Billionen Dollar. Dahinter folgten Japan mit rund drei Billionen Dollar, Deutschland mit 1,5 Billionen Dollar sowie Frankreich, Italien und Großbritannien. Heute sieht das aber anders aus. Basierend auf den Schätzungen des IWF aus dem World Economic Outlook vom April 2013 waren die USA zwar auch 2012 mit knapp 15,7 Billionen Dollar die führende Wirtschaftsmacht in der Welt. Doch folgte an zweiter Stelle China mit einer in Dollar umgerechneten Wirtschaftsleistung von rund 8,2 Billionen Dollar. Brasilien und Russland haben Italien überholt. Und das südamerikanische Land liegt mit einer Wirtschaftsleistung von knapp 2,4 Billionen Dollar nur hauchdünn hinter Großbritannien. Viele Schwellenländer rütteln inzwischen an der jahrzehntelang bestehenden Dominanz der Industriestaaten. Einige dieser Emerging Markets haben einen wirtschaftlichen Aufholprozess begonnen, mit dem sie sich einen immer größeren Anteil an der globalen Wertschöpfung erarbeiten. Im Jahr 2001 hatten die Industriestaaten nach Angaben des World Economic Outlook des IWF vom September 2002 gemessen an der Kaufkraftparität einen Anteil an der globalen Wertschöpfung von 56,3 Prozent. An den exportierten Gütern und Dienstleistungen waren es sogar rund 75 Prozent. Laut den IWF-Zahlen vom April 2013 aber lag der Anteil an der Wertschöpfung 2012 bei nur noch 50,1 Prozent, an den exportierten Gütern und Diestleistungen waren 61,2 Prozent. Entscheidend: Nach IWF-Angaben sind die Entwicklungs- und Schwellenländer in dieser Zeit schneller gewachsen als die Industriestaaten und konnten so ihren Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung und dem globalen Handel vergrößern.


Zwei Geschwindigkeiten

Deutlich wurden die neue Stärke und Stabilität der Emerging Markets auch nach der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009. Nach IWF-Angaben brach die Wirtschaftsleistung der Industriestaaten 2009 um 3,5 Prozent ein. Doch schrumpfte die globale Wirtschaft nur um 0,6 Prozent. Dass das Minus nicht höher ausfiel, war vor allem den Schwellenländern zu verdanken. Laut IWF waren es einzig einige Emerging Markets, deren Volkswirtschaften in der Finanzkrise überhaupt noch wirtschaftliche Zuwächse verzeichnen konnten. So wuchs Chinas Wirtschaft laut den Jahresprognosen von DB Research im Krisenjahr 2009 um 9,2 Prozent, in Indien lag das Plus bei 5 Prozent und in Indonesien bei 4,6 Prozent. Und auch im Jahr eins nach der Krise, 2010, ging das Wachstum zum überwiegenden Teil auf das Konto der Emerging Markets. Nach IWF-Angaben waren da die entwickelten Ökonomien zwar um 3 Prozent gewachsen, die Schwellen- und Entwicklungsländer aber insgesamt um 7,6 Prozent. Längst hängen einige Schwellenländer nicht mehr allein am Tropf der Industrienationen, sondern sind in der Lage, aus eigener Kraft für Wirtschaftswachstum zu sorgen und sich zumindest zum Teil von einer wirtschaftlichen Talfahrt in den Vereinigten Staaten oder Europa zu lösen.

Es scheint so, als habe sich in den vergangenen Jahren etwas verändert. Früher waren Emerging Markets nicht selten Auslöser von Krisen. Und nicht nur das: Sie litten meist besonders stark unter einer wirtschaftlichen Abkühlung. In der Tat galten Schwellenländer bis vor wenigen Jahren noch als politisch und wirtschaftlich instabil. Sie waren abhängig von ausländischen Geldgebern und hatten selbst nicht die Mittel, um aus eigenem Antrieb gegen Krisen anzukämpfen. Doch dieses Bild hat sich offenbar grundlegend gewandelt. Der Prozess der Demokratisierung schreitet nach Einschätzung der Experten des IWF vielerorts voran, die Steuer- und Sozialsysteme werden reformiert, Märkte liberalisiert, Handelsbeschränkungen aufgehoben und staatliche Firmen privatisiert.

Doch noch viel wichtiger: Die Schwellenländer konnten sich in der Finanzkrise plötzlich aus eigener Kraft gegen die konjunkturelle Talfahrt stemmen. So war es einigen Schwellenländern möglich, umfangreiche Konjunkturpakete aufzulegen, damit die Binnenkonjunktur anzukurbeln und sich so von dem wirtschaftlichen Einbruch in den Industriestaaten teilweise abzukoppeln. Chinas Regierung zum Beispiel stellte nach eigenen Angaben umgerechnet rund 460 Milliarden Euro bereit, um die eigene Volkswirtschaft zu unterstützen. Andere Länder Südostasiens, aber auch Russland oder Brasilien unterstützten ihre Volkswirtschaften ebenfalls mit Milliardensummen. Besonders beeindruckend: In Ländern wie China, Südkorea, Russland oder Thailand betrugen die Volumina der Pakete laut Germany Trade & Invest (GTAI), der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing, über zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des jeweiligen Landes. Zum Vergleich: In Deutschland lag diese Relation gemäß einem Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie vom Juni 2009 bei 3,5 Prozent, in Frankreich, Großbritannien oder Italien sogar noch darunter. Vor allem in Asien entfalteten diese Stützungsmaßnahmen rasch ihre Wirkung. Vielerorts sendeten die Konjunkturindikatoren laut GTAI schon ab dem Frühjahr 2009 wieder positive Signale, und auch in den realen Wirtschaftsdaten war die positive Entwicklung bald ablesbar. Und diese Wirtschaftsentwicklung der zwei Geschwindigkeiten sollte sich auch in den Jahren danach fortsetzen. Als in den Jahren 2011 und 2012 die Euro-Zone, die Vereinigten Staaten sowie Großbritannien und Japan unter ihrer immensen Staatsverschuldung litten, machte sich dies auch in deren realer Wirtschaftsentwicklung bemerkbar. Für die Euro-Zone konstatiert der IWF 2012 ein Minus von 0,6 Prozent. In Großbritannien wächst die Wirtschaftsleistung im selben Jahr zwar, aber nur um 0,2 Prozent. Die USA wachsen ebenfalls, aber nur um 2,2 Prozent, nach IWF-Angaben deutlich unter der durchschnittlichen Rate von über drei Prozent, die das Land noch vor der Finanzkrise aufwies. Zwar schwächt sich ausgehend davon auch die Dynamik in den Schwellenländern ab. Aber mit einem Wachstum, das laut IWF 2012 bei 5,1 Prozent liegt, sind sie erneut weit von einer Rezession entfernt.


Verbesserte Rahmenbedingungen

Doch stellt sich die Frage, warum viele Schwellenländer – anders als in früheren Krisen – heute überhaupt in der Lage sind, eine Rezession aus eigener Kraft zu bekämpfen und sich schneller zu erholen als die meisten Industriestaaten? Ein Grund ist in den volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu sehen. Anfang dieses Jahrzehnts war zum Beispiel Brasilien laut IWF hoch verschuldet, das Land litt unter Kapitalflucht und Inflation. Die Leistungsbilanz wies zeitweise ein Minus von bis zu 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf. Heute sieht das ganz anders aus. Die größte Volkswirtschaft Südamerikas konnte im Außenhandel laut den Jahresprognosen von DB Research, Stand: März 2013, selbst im schwierigen Jahr 2009 einen Überschuss von 53 Milliarden Dollar erwirtschaften. Die Devisenreserven betragen Ende 2012 rund 362 Milliarden Dollar, die Staatsverschuldung gegenüber dem Ausland liegt bei nur 2,8 Prozent des BIP. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in anderen Emerging Markets zu beobachten. Während noch Mitte der 1990er-Jahre Thailand, Südkorea und China zusammen über Währungsreserven von nicht mal 200 Milliarden Dollar verfügten, so haben sie laut DB Research, Stand: März 2013, Ende 2012 zusammen über 3,8 Billionen Dollar. Insgesamt kommen die Schwellenländer auf rund 80 Prozent der globalen Währungsreserven. Überschüsse in der Handelsbilanz, eine niedrigere Verschuldung und hohe Devisenreserven, das dürften einige Gründe sein, warum viele Emerging Markets heute in der Lage sind, sich aus eigener Kraft gegen Krisen zu stemmen.

Doch was war der Auslöser dieser Entwicklung? Als ein Grund kann der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO im Dezember 2001 betrachtet werden. Ein Beispiel, dem in der Folgezeit andere Schwellenländer folgten, zuletzt, im August 2012, auch Russland. Die Öffnung für den Welthandel ist ein wichtiger Schritt. Die Idee ist es, die eigene Wirtschaft in den Welthandel und die internationale Arbeitsteilung zu integrieren. Dabei lockten Länder wie China, Indien oder die osteuropäischen Staaten mit der Möglichkeit, Waren dort günstiger zu produzieren als in den Industrienationen. Die Folge: Diese Staaten ziehen Direktinvestitionen an, Firmen verlagern ihre Produktionsstätten von den Industrieländern in die Emerging Markets und bringen die Güter von dort aus auf den Weltmarkt. Es wird damit ein Prozess der Veränderung, des Wandels angestoßen, ein wirtschaftlicher Aufholprozess der Schwellenländer. Und diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Viele Emerging Markets befinden sich in einem strukturellen Wandel, an dem weder die Finanzkrise von 2008 und 2009 noch die Staatsschuldenkrise in einigen Industriestaaten etwas zu ändern schien. Dabei sind es nicht allein die Konjunkturprogramme und die stabile Entwicklung mancher Volkswirtschaften in der Krise, worin sich der Wandel manifestiert. Es sind auch Reformen, Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur, die viele Regierungen vorantreiben. So verfolgt Chinas Regierung in seinem aktuellen bis 2015 laufenden Fünfjahresplan das Ziel, das Wirtschaftswachstum nachhaltiger zu gestalten und den Graben zwischen Arm und Reich zu verringern. Laut diesem Plan soll die Grenze für steuerfreie Einkommen angehoben werden, sodass mehr Menschen mit niedrigem Einkommen keine Steuern zahlen müssen. Ferner sieht er Reformen in der Altersvorsorge und im Gesundheitswesen vor. Schließlich ist die Sparquote aufgrund mangelnder staatlicher Vorsorge hoch – sie lag nach Angaben der Weltbank bei mehr als 50 Prozent des BIP. Gelingt eine sinnvolle Reform, dann könnte die Sparquote sinken, der Konsum steigen und die Exportabhängigkeit des Landes zurückgehen.


Gigantischer Binnenmarkt

Mehr Markt, weniger Staat – China mit seinem riesigen Binnenmarkt kommt bei dieser gesamten Entwicklung eine zentrale Bedeutung zu. Wie sehr die Öffnung des Landes die Gleichgewichte in der Welt verändert, zeigt sich auch in den Ranglisten der größten Unternehmen der Welt. Waren in der Global-2000-Liste der US-Zeitschrift Forbes Anfang der 1990er-Jahre unter den größten Konzernen der Welt keine Firmen aus den Emerging Markets vertreten, so hat sich das Bild seitdem dramatisch verändert. Im März 2013 waren in der Liste vier chinesische sowie mit Samsung ein südkoreanisches Unternehmen unter den Top 20. Damit zeigt vor allem China, wie wettbewerbsorientiert der Privatsektor ist. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Land in die Weltwirtschaft integriert, ist einzigartig in der modernen Wirtschaftsgeschichte. Doch ist es nicht allein die Privatisierung. Hinzu kommen massive Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur. Straßen werden gebaut, Gebäude errichtet, die Wasser- und Stromversorgung modernisiert. Das ist ein weiterer Grund, warum sich die Volkswirtschaften vieler Schwellenländer vor der Finanzkrise, aber auch danach so gut entwickeln. Denn China benötigt für sein Wachstum vor allem eines: Rohstoffe. Die Nachfrage nach Metallen oder Öl ist in den vergangenen Jahren deshalb massiv gestiegen. Die Angebotsseite aber konnte ihre Produktion gar nicht so schnell ausweiten, wie der Bedarf gewachsen ist.

Nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur aus dem Jahr 2012 war China mit Anteilen von jeweils über 40 Prozent im Jahr 2011 der dominierende Nachfrager am Weltmarkt nach Industriemetallen wie Aluminium, Kupfer, Stahl, Blei, Nickel, Zink oder Zinn. Bei Steinkohle lag der Anteil des asiatischen Riesenreiches gar bei über 50 Prozent. Laut derselben Quelle lag der Anteil Chinas 1997 zum Beispiel bei Kupfer, Nickel, Zinn oder Aluminium noch bei weniger als zehn Prozent. Aber auch Öl benötigt das Reich der Mitte. Zwar lag China 2011 mit 11,2 Prozent Anteil an der globalen Nachfrage nur auf Rang zwei hinter den USA. Entscheidend aber ist, dass das Reich der Mitte zu Beginn dieses Jahrtausends nach Angaben der Internationalen Energieagentur seinen Ölbedarf noch aus der eigenen Produktion decken konnte. Knapp zehn Jahre später ist China Nettoölimporteur. Und treibt damit den Ölpreis an. Dieser stieg seit Anfang dieses Jahrtausends nach Angaben der Rohölbörsen in London und New York deutlich an. Lag der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte WTI damals noch bei unter 20 Dollar je Barrel, so sind es im März 2013 knapp 94 Dollar.

Gewinner dieser Entwicklung sind Länder wie Russland, Brasilien oder die Staaten der Golfregion, die nach Angaben des statistischen Jahrbuchs Energy World Book 2012 des Ölkonzerns BP über gewaltige Ölreserven verfügen. Und was für Energie gilt, gilt auch für Industriemetalle oder Agrarrohstoffe. Auch hier verfügen viele Emerging Marktes über erhebliche Ressourcen. Ein weiteres Plus für diese Staaten. Das heißt, all jene Länder, die reich an Rohstoffen sind, profitierten am stärksten von der Entwicklung in China.

Zum Beispiel Brasilien. Noch 2001 betrugen die Ausfuhren der größten Volkswirtschaft Südamerikas in das asiatische Riesenreich nach Angaben des Secretaria de Commercio Exterior kaum drei Milliarden Dollar. 2009 waren es 20 Milliarden Dollar, womit China nach GTAI-Angaben die USA als größten Handelspartner Brasiliens abgelöst hat. Im Jahr 2011 betrug das Handelsvolumen zwischen den beiden Staaten nach Angaben des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland, Stand: März 2013, gar 60 Milliarden Dollar.

Ein noch wichtigeres Argument als der Rohstoffreichtum für die Fortsetzung des wirtschaftlichen Aufholprozesses der Schwellenländer könnte aber die demografische Struktur sein. Schließlich wird Wirtschaftswachstum durch eine junge Bevölkerung begünstigt. Der Internationale Währungsfonds hat errechnet, dass die Überalterung der Gesellschaft in den Industrieländern das globale Wachstum pro Jahr um rund 1,5 Prozentpunkte reduziert. Doch die enorme Dynamik der Schwellenländer gleicht diesen Wachstumsverlust mehr als aus.


Demografischer Vorteil

In den Emerging Markets liegt der Anteil der Bevölkerung unter 15 Jahren nach Angaben des Datenreports 2012 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) bei 29 Prozent. Das heißt, fast ein Drittel der dort lebenden Menschen wird diesen Volkswirtschaften künftig als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Dabei steigt der Bildungsstandard. In China zum Beispiel lag die Analphabetenrate laut Weltbank im Jahr 1990 bei 22 Prozent. Im Jahr 2010 betrug sie nur noch sechs Prozent. Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen Schwellenländern festzustellen. Sie verfügen heute also über eine große Zahl zum Teil immer besser ausgebildeter und junger Arbeitskräfte, die für ein im Vergleich zu den Industrienationen noch immer geringes Entgelt arbeiten. Vor allem viele Länder Südostasiens haben damit derzeit ideale Bedingungen, um einen zunehmenden Anteil der globalen Industrieproduktion auf sich zu ziehen und dynamischer zu wachsen. Und das galt nicht nur vor der Finanzkrise. Sondern dies gilt gerade auch für Zeiten, in denen die Regierungen der Industriestaaten mit ihrer hohen Schuldenlast zu kämpfen haben. Denn eine hohe Staatsverschuldung, so stellen die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln in einer Studie aus dem Jahr 2010 fest, reduziert das Wachstum. Demzufolge sei das Wirtschaftswachstum ab einer Staatsverschuldung von 90 Prozent signifikant niedriger. Konkret führe ein Anstieg der Staatsverschuldung um zehn Prozentpunkte zu einem um 1,3 Prozent niedrigeren BIP.

Mit ihren soliden Staatsfinanzen, ihrem Rohstoffreichtum und ihrer günstigen demografischen Struktur haben die Schwellenländer dagegen eine Basis, die es ihnen ermöglichen dürfte, ihre hohen Wachstumsraten auch in einer erneuten Krise nachhaltig aufrechtzuerhalten und einen weiter steigenden Wohlstand für ihre Bevölkerung zu schaffen. Genau dies könnte die nächste Stufe des wirtschaftlichen Aufholprozesses zünden. Denn mit wachsendem Pro-Kopf-Einkommen in diesen Ländern hätten immer größere Teile der Bevölkerung die Möglichkeit, über den Grundbedarf hinaus zu konsumieren.

Als entscheidende Grenze für einen Haushalt gilt laut der Weltbank ein Jahreseinkommen von 5.000 Dollar. Mit dieser Summe, so der Gedanke, kann dieser seine Grundbedürfnisse befriedigen. Wer mehr verdient, kann zusätzliche Güter konsumieren. Genau in diesen Bereich stoßen immer mehr Chinesen, Inder und Einwohner anderer Schwellenländer vor. Laut einer Studie der Beratungsfirma Bain Capital von März 2013 werden bis 2020 1,3 Milliarden Menschen aus den Emerging Markets diese Grenze überschreiten. Dies könne, so die Experten weiter, einen Wachstumsschub von zehn Billionen Dollar auslösen.

Gigantische Märkte könnten also entstehen. All dies hat Konsequenzen für die globale Verteilung der Wirtschaftsleistung. Nach Angaben des IWF liegt das weltweite Sozialprodukt im Jahr 2012 bei fast 72 Billionen Dollar. Der größte Teil davon, rund 23,1 Prozent, entfällt auf die Europäische Union, die Vereinigten Staaten kommen auf 21,9 Prozent. Die vier größten Schwellenländer, die sogenannten BRICs (Brasilien, Russland, Indien und China), kommen 2012 zusammen jedoch auf einen Anteil von rund 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Doch da diese derzeit schneller wachsen als die Ökonomien der Industriestaaten, holen sie weiter auf. Zwei Jahre zuvor zum Beispiel kamen sie nur auf 17,3 Prozent. Setzt sich dieser Trend fort, dann könnten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse künftig noch weiter verändern. So prognostizierte die OECD im November 2011, dass China die USA schon im Jahr 2016 als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen wird.


Industrienation versus Entwicklungsland

Auf der einen Seite stehen also die Industrienationen, die durch schrumpfende Bevölkerungszahlen, hohe Staatsschulden und niedrigere Wachstumsraten geprägt sind. Auf der anderen Seite die Schwellenländer mit ihrer jungen Bevölkerung, ihren in vielen Fällen soliden Staatsfinanzen und einem dynamischen Wachstumspotenzial. Es ist eine neue Welt, die entstehen könnte. Auch in der Vermögensallokation erscheint es deshalb erwägenswert, Emerging Markets stärker in Betracht zu ziehen. Denn die soliden makroökonomischen Rahmendaten und die größere Wachstumsdynamik könnten zum einen die Bonität, also die Kreditwürdigkeit dieser Staaten, verbessern und zum anderen zu höheren Umsätzen und Gewinnen der in diesen Ländern ansässigen Unternehmen führen. Und damit langfristig zu steigenden Firmenwerten und Aktienkursen.

Trotz dieser positiven Voraussetzungen ist aber zu berücksichtigen, dass es sich bei den Märkten der Schwellenländer nach wie vor um sehr stark schwankende Aktienmärkte handelt. Den guten Renditechancen stehen deshalb nicht zu unterschätzende Risiken gegenüber: Einerseits können politische Instabilitäten und makroökonomische Veränderungen zu erheblichen Kursschwankungen an den Aktien- und Rentenmärkten dieser Staaten führen. Andererseits ist in vielen Schwellenländern längst noch keine dauerhafte wirtschaftliche Stabilität gegeben. Zudem können sich Währungsschwankungen oder Zinsveränderungen negativ auf den jeweiligen Basiswert und damit auf das Vermögen des entsprechenden ETFs und den realen Wert der Fondsanteile auswirken. Zu beachten ist aus diesem Grund, dass eine Investition in Vermögenswerte der Emerging Markets in der Regel höheren Risiken unterliegen kann als eine Anlage in Vermögenswerte der Märkte der Industrieländer.

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